Die letzte Periode als Grundlage der Schwangerschaftswoche?

Mutterpass, Hintergrund, Muster

Der geschätzte Geburtstermin ist in unserer Gesellschaft sehr wichtig. Er entscheidet, ab wann man sich engmaschig untersuchen lassen sollte, und ab wann eine Einleitung nur wegen des „Alters“ der Schwangerschaft empfohlen wird. Dies wird hier in Deutschland wohl vor allem mit einer Schätzmethode getan, die auf einen Franz Karl Naegele zurückgeht (ca. 1812). Diese Regel besagt: addiere 7 zum ersten Tag der letzten Regel, und gehe dann 9 Monate nach vorne. Wenn die Schwangere weiß, wie lang ihr normaler Zyklus vom Standard 28 Tage Zyklus abweicht, kann man dies noch um die Abweichung anpassen. Dies klingt grundsätzlich sehr simpel, aber wenn die Annahme stimmen sollte, dass der Zeitpunkt des Eisprungs mit diesen beiden Zahlen gut zu schätzen ist, könnte das ein sehr gutes Rechenmodell sein. Aber ist das so, und gäbe es eventuell eine bessere Methode der Schwangerschaftswochen-Schätzung (und damit Aussage zum Alter von Baby und Plazenta)?

Wie immer wenden wir uns Studien zu. Es gibt eine sehr interessante Studie, die Frauen, die schwanger werden wollten, vor der Schwangerschaft bereits begleitete, und bis zur Schwangerschaft dokumentierte, nicht nur wann die letzte Periode war, sondern auch wann der Eisprung stattfand (Jukic et al., 2013). Dies erlaubte ihnen, die Länge der Schwangerschaft basierend an der letzten Periode mit dem tatsächlichen Länge der Schwangerschaft zu bestimmen. Natürlich ist es völlig normal, dass es hier zu einer Abweichung kommt, denn der Tag der ersten Periode ist etwa 2 Wochen VOR dem Eisprung (im 28-Tage-Zyklus). Aber grundsätzlich sollte sich dennoch tendenziell eine Korrelation zeigen zwischen den beiden Werten, wenn denn die Perioden-Rechnung Sinn macht. Hier ist, was die Studie fand:

Schwangerschaftsdauer nach letzter Periode:
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10% gebaren bis 38 Wochen und 5 Tagen nach der letzten Periode
25% gebaren bis 39 Wochen und 5 Tagen nach der letzten Periode
50% gebaren bis 40 Wochen und 5 Tagen nach der letzten Periode
75% gebaren bis 41 Wochen und 2 Tagen nach der letzten Periode
90% gebaren bis 44 Wochen und 0 Tagen nach der letzten Periode

…wobei die Messungen tatsächlich von 36 Wochen und 6 Tagen, bis hin zu 45 Wochen und 6 Tagen gingen.

45 Wochen und 6 Tage? Das klingt schon sehr lange, und entspricht ja überhaupt nicht, was man normalerweise zu sehen bekommt. Da die Forscher ja auch das Datum des Eisprungs kannten, konnten sie auch die tatsächliche Länge der Schwangerschaft bis zur Geburt ausrechnen. Hier ergibt sich bereits ein völlig anderes Bild, und zeigt das Problem mit der in Deutschland üblichen Art, die Schwangerschaftsdauer zu bestimmen (und nur aufgrund dieser Schätzung eine Einleitung zu empfehlen). Die Kenntnis des Eisprungs zeigte, dass sich hinter der Schwangerschaft von SSW 45+6 tatsächlich ein Baby mit einem tatsächlichen Alter von nur 40 Wochen und 4 Tagen (nach Eisprung) verbarg – also gar nicht so unglaublich lange. Die große SSW-Schätzung anhand der letzten Periode scheint vor allem daran gelegen zu haben, dass die Dame einen unregelmäßigen Eisprung hatte. Nun, war dies ein Beispiel von „die Ausnahme bestätigt die Regel“?

Schwangerschaftsdauer nach dem Eisprung (in Klammer die Abweichung zur Zahl aufgrund der Rechnung basierend auf der letzten Periode)
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10% gebaren bis 36 Wochen und 4 Tagen nach Eisprung (-15 Tage)
25% gebaren bis 37 Wochen und 3 Tagen nach Eisprung (-16 Tage)
50% gebaren nach bis 38 Wochen und 2 Tagen nach Eisprung (-17 Tage)
75% gebaren nach bis 39 Wochen und 2 Tagen nach Eisprung (-14 Tage)
90% gebaren nach bis 40 Wochen und 0 Tagen nach Eisprung (-28 Tage)

Die Zahlen zeigen, dass es doch recht viele „Ausnahmen“ sind, und nicht nur Vereinzelte. Mindestens über 10% aller Schätzungen, und maximal 25% aller auf der letzten Periode basierende SSW-Schätzungen überschätzen die Länge der Schwangerschaft. Das ist jede 10. bis jede 4. Schwangere, die das Potential hat, nur aufgrund eines Schätzfehlers eingeleitet zu werden (aber natürlich werden wohl zumindest einige der Frauen mit großem Schätzfehler vor SSW 42 gebären). Bereits bei den Schätzungen zwischen 75-90% aller Geburten sehen wir, dass es bis zu (28 Tagen -14 Tage =) 2 Wochen Abweichung kommt. In der Tat ist das extrem viel. Aber in der Tat liegt die mögliche Abweichung bei den längsten 10% aller Schwangerschaften (90-100%), wie wir an der Dame im extremen Beispiel oben erkennen können bei bis zu (37 Tage -14 Tage) 3 Wochen 2 Tage „Fehler“.

Da der Zeitpunkt der Ovulation den meisten nicht bekannt ist, ist die Bestimmung des wahren Alters per Ovulationszeitpunkts natürlich nicht praxisnah. Gibt es denn noch eine Alternative, die besser wäre, als diese doch recht häufig fehlerhaft Schätzung aufgrund der letzten Periode?

Ja, die gibt es, und zwar per Ultraschallbestimmung zwischen SSW 11 und 14 (Khambalia et al., 2013), aber auch noch bis SSW 16. Nach SSW 16 nimmt die Genauigkeit aber sehr ab, mit einem starken Abfall ab SSW 20. Das ist leicht nachvollziehbar: am Anfang müssen einfach bestimmte Entwicklungsetappen erfolgen, die bei allen Babys gleich sind. Erst später dominiert in der Entwicklung die genetische Individualität eines jeden einzelnen Babys (ich und mein Mann sind eher klein – und unsere Kinder auch; die von großen Eltern werden einfach größer).

Eine andere Studie bestätigt, dass es zu viel weniger Einleitungen wegen „Übertragung“ kommen würde, wenn einfach eine frühe Ultraschallmessung als Standard genutzt werden würde (Taipale und Hiilesmaa, 2001). Hier wurden die Daten von 17.000 Schwangeren ausgewertet, und gefunden, dass der Ultraschall zwischen SSW 8-16 Wochen genauer war als der „aufgrund der letzten Periode errechnete“. Was aber besonders wichtig ist, ist dass Einleitungen für „Übertragung“ (also SSW 42+) von 10,3% auf nur 2,7% zurückgingen, wenn statt der periodenabhängigen Rechnung, eine Ultraschallbestimmung zwisch SSW 8 und 16 benutzt wurde. Das ist schon extrem viel – eine Reduktion von 7,6%.

Ich möchte noch über eine Eigenheit der periodenbasierten Bestimmungsart reden: wenn man sich die beiden Listen oben anschaut, also Schwangerschaftsdauer nach Periode und Eisprung, und man die Abweichungen miteinander vergleicht zwischen den einzelnen, zueinander gehörenden Linien (also 10% mit 10 %), sollte einem auffallen, dass bei 10 % die Abweichung 15 Tage ist, also der „normalen“ Zeitdifferenz zwischen erster Tag der Periode und Eisprung (14 Tage in einem 28 Tage-Zyklus) recht gut entspricht – bei den oberen Längen aber überhaupt nicht. Hier findet sich eine fast doppelt so lange Abweichung von 28 Tagen. Und dies ist in der Natur der Sache. Die untere Verschiebung ist fest gebunden an physische Limitationen (eine Periode ist nun einmal zwischen 3 und x Tagen lang, und während der Periode wird es zu keiner Schwangerschaft kommen können), und normalerweise erfolgt der Eisprung frühestens ein paar Tage nach der Periode. Der Unterschied nach unten ist also limitiert. Nach oben hingegen ist hier viel mehr Möglichkeiten einer Verschiebung, je nachdem, wie lange der Zyklus der Frau ist. Im oberen Beispiel der Dame, die erst in SSW 45+6 nach Periode gebar, eben 5 Wochen und 2 Tage. Sie hatte übrigens nicht einfach einen regelmäßig langen Zyklus zum Eisprung, sondern der Eisprung war unregelmäßig (also nicht grundsätzlich ableitbar). Die Folge: wenn man die SSW aufgrund er Periode bestimmt, kommt es doch recht häufig dazu, dass man in vielen Fällen zu früh reagiert.

In einem System wie unserem, in dem in einer Schwangerschaft bei fast jedem Frauenarzt-Termin ein Ultraschall vorgenommen wird, ist es für mich nicht nachvollziehbar, weshalb der im Mutterpass eingetragene geschätzte und für alle weiteren Entscheidungen benutzte „Geburtstermin“ nicht für Gewöhnlich aufgrund eines frühen Ultraschalls geschätzt wird. Die Studien belegen die Vorteile klar!

Vielleicht können wir Frauen, bei einer Absicht schwanger zu werden, einfach selber unsere Ovulation messen, damit wenigstens wir für unsere Entscheidung (pro-contra Einleitung wegen „Übertragung“) bessere Informationen haben.

Quellen:

Jukic, A. M., Baird, D. D., Weinberg, C. R., et al. (2013). Length of human pregnancy and contributors to its natural variation. Hum Reprod 28(10): 2848-2855. Click here.
Khambalia, A. Z., Roberts, C. L., Nguyen, M., et al. (2013). Predicting date of birth and examining the best time to date a pregnancy. Int J Gynaecol Obstet 123(2): 105-109. Click here.
Taipale, P. and Hiilesmaa, V. (2001). Predicting delivery date by ultrasound and last menstrual period in early gestation. Obstet Gynecol 97(2): 189-194. Click here.

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