Geburtstrauma – Vermeidung und Aufbereitung

Geburtstrauma

Geburttrauma

Die Zahl der Mütter, die nach der Geburt angeben, dass ihre Geburt für sie traumatisch war, wird in internationalen Studien als zwischen 25 und 34 Prozent liegend genannt [Quellen 1 bis 7]. Entsprechende Zahlen aus Deutschland habe ich leider nicht finden können. Da unsere Interventionsraten ähnlich hoch sind wie international gesehen, gehe ich allerdings davon aus, das das bei uns vergleichbar aussehen wird.

Das ist eine sehr hohe Zahl, wie ich finde, von Frauen, die ihren neuen Lebensabschnitt des Mama seins mit einem schlechten Erlebnis anfangen müssen, das sie negativ beschäftigt. Noch dazu hat man nach der Geburt häufig wenig Zeit, sich um sich selber zu kümmern – hat man dich auf einmal ein kleines, völlig von der Mama abhängiges Wesen, um das man sich Vollzeit kümmern muss. Und die Vollzeit dieses „Jobs“ ist nicht ein 9-17 Uhr Job, sondern 24 Stunden von 24.

Das ist alles andere als ein idealer Start ins Familienleben.

Was ist ein Trauma?

Was ist ein Trauma? Früher dachte man, ein Trauma käme von besonders plötzlichen Erlebnissen. Heute weiß man, dass es nichts mit dem Erlebnis an sich zu tun hat, sondern dass es um seelische Verletzungen geht.

Dabei findet man viele verschiedene Definitionen von Trauma, und ich persönlich stimme denen zu, die nicht versuchen, die Situationen, die dazu geführt haben, zu bewerten. Wortwendungen wie „ein Ereignis […] mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde“, wie es im medizinischen Klassifikationssystem ICD-10[7] steht, machen mich sehr traurig. Denn in meinem Augen ist es ist völlig egal, ob andere das gleich empfunden hätten. Was zählt, ist wie es für die Betroffene Mutter oder Vater war …. ob es zu einer „seelischen Verletzung“ (Wikipedia) führte, zu „Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe“ (Definition von Fischer und Riedesser in Lehrbuch der Psychotraumatologie (München, 1998, S. 79.)).

Im folgenden Artikel möchte ich deshalb diese bewertungsfreie Definitionen benutzen, und mich von dem medizinischen Klassifikationssystem entfernen. Es geht hier in diesem Artikel also einfach um das subjektive Empfinden des Laien, der Mutter, die ihre Geburt selber als Trauma für sich bewertet, und wie sie damit umgehen kann.

Auch möchte ich mich ein Stück weit davon entfernen, zu erörtern, welche tiefen Auswirkungen so ein Trauma auf die Mutter haben kann – diese können sehr tief gehen. Tramata nach der Geburt können zu einer Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) führen – die das Leben der Familie völlig entgleisen kann. Ich habe selber keine Erfahrungen damit, aber ich habe Beiträge von einer betroffenen Mutter und dem Vater gelesen, dessen Frau nach der Geburt diese Krankheit erlebt hatte. Seine Worte waren: „meine Frau war nicht mehr da“ – und eine Fremde sei an ihrer Stelle. Seine Frau litt jahrelang unter dem Zustand, bis sie sich, auch durch den Beistand und Liebe ihrer Familie, wieder heilen konnte.

Traumata durch die Geburt, auch wenn sie nicht zu PTSD führen, können es der neuen Mutter erschweren, die Liebe, die sie für ihr neues Kind hat, zu fühlen, da ein Trauma dazu führen kann, dass wir emotional abschalten, um noch funktionieren zu können. Oder das wir nicht mehr wissen, wie wir in dieser Welt leben können.

Mein eigenes Trauma

Mein eigenes Trauma, das mich für Jahre nach der Geburt zum Zittern gebracht hat, war gar nichts aufregendes, lebensbedrohliches. Es war aufgrund der 10 Tage, die ich mit meiner Tochter in der Klinik bleiben musste, und mich dem System gefügt habe, gegen meinen eigenen Glauben, weil ich Angst hatte, dass man mit mein Kind wegnehmen könnte, wenn ich das nicht täte. Für ein Jahr danach war ich besessen davon, dass meine Tochter zunehmen musste. Die Waage war überall dabei, selbst im Urlaub.

Das Wichtigste, um Traumata zu vermeiden

Angst in der Geburt ist anerkannterweise nicht hilfreich für einen guten Geburtsverlauf, und noch viel wichtiger – es ist der wichtigsten Grund für ein mögliches Trauma:

Diese Studie (Garthus-Niegel et al, 2013) findet, dass subjektives Empfinden der Geburt der wichtigste Grund für ein mögliches Trauma ist, welches zu posttraumatische Belastungsstörung führen kann. Das Resultat ist, dass das subjektive Empfinden der Geburt wichtiger ist als wirkliche Komplikationen.

Eine wichtige Implikation dieser Studie ist: „…women ought to be (…) made to feel safe during birth to avoid traumatization“. Das bedeutet, dass selbst oder vor allem wenn es zu Komplikationen kommen kann ist es wichtig, sich sicher zu fühlen. (HypnoBirthing ist übrigens eine Methode, wie Frauen sich selber entspannt und sicher fühlen lassen können – egal wie die Umstände sind).

Was Mütter ebenfalls benötigen in der Geburt, um das Risiko eines Traumas zu vermeiden, ist, zu fühlen, dass was mit ihnen geschieht, selbstbestimmt ist, dass sie wirklich hinter dem stehen, was mit ihnen passiert – das hat mir nach meiner eigenen der Geburt gefehlt – denn das führt wieder zu dem Gefühl, das alle nur das beste für einen und sein Kind tun. Fehlt das, fühlt man sich ausgeliefert – und nicht mehr sicher.

Die neue Schwangerschaft nach einem Trauma

Je nach Schwere des Traumas nach der Geburt kann sich ein Geburtstrauma negativ auf die neue Schwangerschaft und Geburt auswirken. Ängste, dass es noch einmal so kommen könnte wie beim letzten Mal führen zu Stress der Schwangeren. Stress in der Schwangerschaft hat negative Auswirkungen auf das ungeborene wie bereits geborene Kind (siehe zum Beispiel hier) – und ist damit bereits genug Grund, sich nach Möglichkeit mit seinem Trauma bereits vor der nächsten Schwangerschaft auseinanderzusetzen.

Eine neue Studie (Muzik et al, 2016) gibt, die zeigt, dass für etwa 3/4 aller mit PTSD diagnostizierten Frauen eine erneute Schwangerschaft nicht dazu führt, dass die Symptome sich verschlechtern, sondern sich sogar verbessern können. Dennoch raten viele Geburtshelfer, sich nach Möglichkeiten vor der erneuten Geburt seinem Trauma zu stellen, und wenn möglich, es zu überwinden. Denn wenn es verarbeitet ist, und keine großen Auswirkungen mehr hat, kann es nicht zu Angst während der Geburt kommen, die auf der alten Situation beruhen.

Die Studie fand übrigens auch, dass es einen großen Faktor gibt, der vorraussagen kann, ob die Mutter zu den 75% bei denen es gut oder besser wird dazu gehören, oder zu den anderen 25%, bei denen Symptome sich verschlechtern: Ihre Ergebnisse zeigen, dass  Mütter, die starke Unterstützung haben, wie Partner, Familien und Freunde, gesündere Schwangerschaften haben, und besser durch die Geburten kommen.

Traumata verarbeiten

Erzähle Freunden – oder Fremden – von dem, was Dir widerfahren ist

Mein eigenes Trauma habe ich überwunden durch das ständige Erzählen davon im Kurs. Als ich es noch nicht verarbeitet hatte, saß ich immer im Kurs und habe vor mich hergezittert, während ich davon erzählte…. Mittlerweile ist das ferne Vergangenheit. Erzähle also Deine Geschichte so vielen Freund(inn)en wie Du kannst (solange die nicht gerade selber schwanger sind , dann bitte nicht) – und versuche nicht nur das zu finden, was Du vielleicht verloren hast, sondern auch etwas, was gut war – kleine Details, oder auch was größeres. Finde sie alle – und erzähle diese auch. Bitte sage Deinen Freunden ganz klar davor, dass ein „was Du erzählst ist doch alles nicht so schlimm“ ein Satz ist, den sie nicht sagen dürfen – sie dürfen allerdings einfach nichts sagen. Denn es gibt nichts schlimmeres, als wenn der eigene tiefe Schmerz nicht ernst genommen wird.

Sei vorbereitet auf die falschen Worte

Diesen Tipp habe ich von einer Psychologin, Suzanne Swanson,  die im Vorstand von PATTCh.org, einer Organisation zur Prävention und Behandlung traumatischer Geburt, tätig ist, und ich finde ihn super.

Menschen, denen wir unsere Geschichte erzählen, sagen häufig das Falsche, aus Versehen, aus dem Nicht-Verstehen, oder aus einem fehlgeleiteten Versuch es besser machen zu wollen. Swanson schlägt vor, einige Sätze aufzuschreiben, um solche Wendungen im Gespräch wieder in eine heilende Richtung umzuleiten. Wenn zum Beispiel jemand sagt: „Dir und dem Baby geht es doch gut, also warum lässt du deine Geburtserfahrung nicht einfach los?“ könntest Du antworten: „Ich weiß, dass du froh bist, dass wir beide hier sind und am Leben, und ich bin auch dafür dankbar, aber ich bin nicht dankbar, wie es geschehen ist“. Ich sehe diesen Schritt als das Sicherheitsnetz, wenn Prävention nicht gewirkt hat. Also, die Prävention, offen über das, was ihr euch von eurem Gegenüber versprecht und was ihr braucht, zu reden, bevor ihr euch offenbart. Für mich ist dieser Tipp Gold wert, einfach weil es dennoch passieren könnte, dass das Falsche gesagt wird, um sich selber davor bereits vorzubereiten auf die Möglichkeit – und damit nicht mehr so verletzt wird.

Schreibe Deine Geburtsgeschichte auf

Schreibe Deine Geburtsgeschichte auf. Dies ist ein großer Schritt, und anders als beim Erzählen bist Du hier völlig unabhängig von offenen Ohr eines anderen Menschen. Du kannst Dir dann das Geschriebene so häufig Du willst wieder vorlesen, und ihm weitere Details einfügen. Versuche hier beim ersten Schreiben einfach alles, alles, was Dich so beschäftigt, und Dich zum Zittern oder zum Weinen bringt, herauszulassen. Du kannst Leute, die da waren beschimpfen, ihnen sagen, was Du ihnen schon so lange hast sagen wollen. Alles soll auf dieses Stück Papier. Du schreibst nur für Dich, kein anderer wird die Zettel je zu sehen bekommen. Du kannst völlig unlogisch sein, nur emotional.

Und ja, ich empfehle in der Tat das Schreiben auf Papier. Damit auch Wut ausgedrückt werden kann durch das stärkere Aufdrücken, Durchstreichen, oder auch gnadenlose Vernichten des Papiers. Hier nimm Dir viel Zeit, es wird bestimmt ein ziemliche gnadenloser Ritt durch Deine Emotionen – der Dich aber am Ende bereit macht, es ein wenig weiter lost zu lassen.

Einige Zeit danach, am nächsten Tag, gehe zurück, und versuche, Ordnung in das Geschriebene hineinzubringen. Wo hat es wirklich angefangen? Was ist dann als nächstes passiert? Was war dann? Wenn Du möchtest kannst Du das Ordnen auch als ersten Schritt angehen, und das emotionale als Schritt 2.

Als nächstes kommt dann für mich die Findung von etwas Gutem. Egal was. Finde etwas, was gut war. Ein freundliches Wort. Etwas hat Dich zu Lachen gebracht. Das Bett war bequem. Ein schönes Bild. Finde eine Sache. Irgendwas. Jeden weiteren Tag – finde mehr gute Dinge, die Deiner Geschichte auch dazu gehören.

Sei Dir darüber im Klaren, dass das Aufarbeiten aufwühlend sein wird. Dass die schlechten Gefühle die Du schon so lange mit Dir herum trägst, und die Dich beeinflussen, wiederaufleben werden, vielleicht genauso stark wie damals. Versuche auch danach noch Zeit für Dich alleine zu haben. Deine Gefühle brauchen Zeit, um sich zu sortieren, um sich umzuordnen. Aber: wenn Du mal anfängst, dann bringe es auch zu Ende. Wenn was zu schmerzhaft ist, kannst Du es auch erst einmal auslassen. Dann berichtest Du das ein anderes mal gesondert vom Rest. Aber alles andere machst Du so durch. Vom Geschehene, über alle Emotionen – bis zum Guten. Lasse den letzten Schritt nicht aus! Es ist wichtig, und hilft, ins Reine zu kommen, mit seiner eigenen Geburt.

Schreibe einen Brief an Dein Geburtsteam

Dies ist ein Schritt für ein wenig später, wenn die Gefühle nicht mehr so sehr heftig sind. Es ist egal, ob Du den Brief dann auch wirklich wegschickst. Oder Du mehrere Briefe an verschiedene Personen schreibst. Dieses zielgerichtete Schreiben kann Dir helfen, das Erlebnis hinter Dir zu lassen. Es kann Dir helfen, Dich wieder gehört zu fühlen, um Dir zu helfen, das Gefühl zu haben, dass Du Deine Kraft wieder zurückerhältst. Schreibe auch hier Positives wie auch Negatives.

Suche Dir professionelle Hilfe

Schwere Traumata sind manchmal besser verarbeitbar durch professionelle Hilfe. Sollte dies der Fall sein, bitte ich Dich ernsthaft darüber nachzudenken, Dir professionellen Beistand zu suchen, und Dein Trauma aufzuarbeiten. Aber auch, wenn Du den Support, den Du benötigst, eben nicht in Deinem persönlichen Umfeld hast.

Das Ziel ist, mit sich selber im Reinen zu sein

Das Ziel ist, dass Du das Erlebte als Vergangenheit akzeptieren kannst. Für Dich selber. Und Deine Familie. Du kannst das schaffen. Es ist nur viel leichter, mit dem Support. Egal ob professionell oder aus Deinem privaten Leben.

Ich persönlich versuche, immer alles als eine Lehre für die Zukunft zu verstehen.

Ich wünsche euch viel Erfolg!

PS: Wenn ihr bei mir in den Kurs kommt, fragt mich bitte nach meinem selbst verfassten Ängste-loslassen-Skript.

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Quellen

1. Beck CT, Indman P. 2005. The many faces of postpartum depression. J Obstet Gynecol Neonatal Nurs 34(5):569-76

2. Cigoli V, Gilli G, Saita E. 2006. Relational factors in psychopathological responses to childbirth. J Psychosom Obstet Gynaecol 27(2):91-7.

3. Czarnocka J, Slade P. 2000. Br J Clin Psychol 39 (Pt 1):35-51.Prevalence and predictors of post-traumatic stress symptoms following childbirth.

4. Declercq E, Sakala C, Corry M, Applebaum S. 2008. New Mothers Speak Out: National Survey Results Highlight Women’s Postoartum Experiences. Childbirth Connection: New York

5. Gross MM, Hecker H, Keirse MJ. 2005. An evaluation of pain and “fitness” during labor and its acceptability to women. Birth 32(2):122-8.

6. Soet JE, Brack GA, DiIorio C. 2003.Prevalence and predictors of women’s experience of psychological trauma during childbirth. Birth 30(1):36-46.

7. Szalay S, 2011. Post-Traumatic Stress Disorder after Childbirth in an Out-of-Hospital Birth Population. Presentation at Annual Conference of Midwives Association of Washington State, Seattle, Washington (unpublished).

8.Maria Muzik, Ellen W. McGinnis, Erika Bocknek, Diana Morelen, Katherine L. Rosenblum, Israel Liberzon, Julia Seng, James L. Abelson. PTSD SYMPTOMS ACROSS PREGNANCY AND EARLY POSTPARTUM AMONG WOMEN WITH LIFETIME PTSD DIAGNOSISDepression and Anxiety, 2016; DOI: 10.1002/da.22465

9. Garthus-Niegel, Susan, et al. „The impact of subjective birth experiences on post-traumatic stress symptoms: a longitudinal study.“ Archives of women’s mental health 16.1 (2013): 1-10.

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